19.03.2019

Digitalisierung beginnt bei der Patientenidentifikation

Digitalisierung im Krankenhaus ist ein allgegenwärtiges Thema. Zahlreiche Projekte sollen in den kommenden Jahren angestoßen und umgesetzt werden. Wie Kliniken die Digitalisierung nicht nur in Teilprozessen abbilden, sondern in einen geschlossenen Kreislauf überführen können, erklärt Steffen Marienfeld, Geschäftsbereichsleiter Medizinprodukte.

Welche Rolle spielen neue Gesetze, Richtlinien oder Empfehlungen von Fachgesellschaften im Gesundheitswesen? Und was bedeuten sie für Ihre tägliche Arbeit?

Steffen Marienfeld:
Neuerungen oder gesetzliche Änderungen wirken sich natürlich auch bei uns aus. Nehmen wir beispielsweise das medizinische Konzept des Patient-Blood-Management. Immer mehr Kliniken folgen den Empfehlungen des Netzwerkes, das in erster Linie die Minimierung des Blutverlustes und den Einsatz blutsparender Maßnahmen zum Ziel hat. Darauf haben die Hersteller von Abnahmegefäßen bereits reagiert und die Volumina der Probengefäße verkleinert. Als Hersteller von Proben- und Laboretiketten begleiten wir diese Entwicklung natürlich aufmerksam.

Das bedeutet konkret?

Marienfeld: Kleinere Gefäße mit reduzierten Radien erfordern besondere Hafteigenschaften des Barcode-Probenetikettes – denn aufgestellte Ecken von Probenetiketten behindern die größtenteils automatisierte Weiterverarbeitung im Labor. Die Folge: manuelle Nachbearbeitung, Medienbrüche aufgrund von Nachetikettierung und eine gestiegene Verwechslungsgefahr der Laborproben. Dies steht dem eigentlichen Ziel, der Erhöhung der Patientensicherheit, entgegen. Daher ist die hundertprozentige Anhaftung inzwischen eine Minimalanforderung, der wir uns stellen.

Betrifft Sie auch die FMD-Richtlinie?
 

Marienfeld:
Die neue europäische Richtlinie über gefälschte Arzneimittel, Falsified Medicines Directive (FMD), die seit Februar in Kraft getreten ist, betrifft uns nur indirekt. Aber wir begrüßen diese und können die neuen Anforderungen für unsere Produkte nutzen und somit ein gemeinsames Ziel verfolgen – die Erhöhung der Arzneimitteltherapiesicherheit. Erstmals wird jetzt eine eindeutige Seriennummer für jede Packung in allen Prozessstufen verifiziert. Die Überprüfung erfolgt direkt bei der Kennzeichnung der Sekundärverpackung im Pharma- oder Verpackungsunternehmen, ein weiteres Mal bei der Ausgabe in Apotheke, Praxis oder Klinik. So soll verhindert werden, dass ein über den Distributionsweg eingeschleustes gefälschtes Medikament an Patienten ausgegeben wird. Um hier ein Höchstmaß an Sicherheit zu gewährleisten, müssen Kliniken auch zukünftig in Hardware investieren wie beispielsweise leistungsfähige Datamatrix-Scanner oder in Softwarelösungen zur sicheren Kennzeichnung von Medikationen.

Wo genau liegen die Vorteile einer Softwarelösung?
 
 
Marienfeld:
Für alle Medikamente, die ihre ursprüngliche Gebindeform vor der Applikation beim Patienten wechseln, konkret also für alle Spritzen, bietet die Kennzeichnungssoftware PraxiKett Designer die passende Lösung. Dank der ebenfalls seit Februar europaweit verpflichtenden Pharmacy Product Number (PPN), die auf allen Ampullen in Form eines Matrixcodes abgedruckt ist, ist es möglich, die Medikationsinformation direkt per Scan über unsere Software auszudrucken und diese per Etikett auf die Spritze zu übertragen. Der Vorteil: Medienbrüche zwischen Ampullen und Spritzenkennzeichnung werden vermieden, die Daten der Ursprungsarznei lassen sich bei der Applikation, zum Beispiel zur Narkoseeinleitung, wiederum per Scan zur elektronischen Dokumentation hinzufügen. Gleichzeitig wird so eine Fehlapplikation vermieden.

Wie lässt sich bei all den digitalisierten Teilprozessen der Kreis schließen?  

Marienfeld: Voraussetzung hierfür ist die Identifikation des Patienten und ein Abgleich des Kerndatensatzes – wahlweise per Barcodescanner oder NFC über das Identifikationsarmband des Patienten. Für Kliniken ist der Patient nicht nur Grund jeden Handelns, sondern auch Basis aller medizinischen Prozesse. Werden aber nur einzelne Teilprozesse digitalisiert und dabei der Patient mit allen dazugehörigen Daten wie Blutproben oder Röntgenaufnahmen vergessen, kann der Kreislauf nicht geschlossen werden. Daher streben wir an, mittelfristig alle Kliniken mit Barcode- oder RFID-Patientenarmbändern auszustatten. Die kritische Masse von knapp 60 Prozent ist längst erreicht. Damit nimmt Deutschland im europäischen Vergleich zwar keine Vorreiterrolle ein, jedoch sind wir zuversichtlich, dass bis zum Jahr 2022 der Digitalisierungsgrad – auch dank erhöhter Investitionsbereitschaft der Kliniken – deutlich erhöht werden kann.